Am Samstag, den 20.11.2010 veranstalteten Neonazis in Remagen einen „Trauermarsch“, um den in den Rheinwiesenlagern verstorbenen Wehrmacht-Soldaten wie schon in den Vorjahren zu gedenken. Dazu aufgerufen hatten einige Nazi-Gruppen, nicht zuletzt das überregionale „Aktionsbüro Mittelrhein“. Gefolgt sind ihnen etwa 300 Nazis aus dem ganzen Rheinland. Dem entgegen stellten sich bis zu 100 Antifaschistinnen und Antifaschisten – eine im Verhältnis zur großen Teilnehmerzahl des Neonaziaufmarsches erschreckend geringe Beteiligung. Einige bürgerliche Gruppen veranstalteten vor der Friedenskirche in der Marktstraße eine kleine Alternativ-Veranstaltung und taten ihren Unmut mit Gesängen und Redebeiträgen kund. Die Antifa Ahrweiler hatte schon im Vorfeld zu einer antifaschistischen Kundgebung am Bahnhof, dem Startpunkt des Naziaufmarsches, aufgerufen, welche aber kurzum verboten wurde. Dementsprechend lief der antifaschistische Protest auf gezielte, jedoch unkoordinierte Aktionen hinaus, bei denen die Repressionen seitens der Polizei ihnen zum Nachteil wurden. Letztendlich sorgte das massive Polizeiaufgebot mal wieder dafür, dass die Nazis in Ruhe marschieren und Antifaschisten ihren demokratischen Pflichten nicht nachkommen konnten – der Pflicht, nazistischen Umtrieben Einhalt zu gebieten und in diesem Falle mit allen Mitteln zu versuchen, einen Aufmarsch zu verhindern. Die Rechtsradikalen haben für ihren Aufmarsch massiv mobilisiert. Durch gewalttätige Aktionen haben sie nach Einschätzung der örtlichen Antifa schon im Vorlauf versucht, den Protest gegen ihren Aufmarsch zu schwächen. Auch sind sie mittels zahlreicher erschreckend aufwändiger Aktionen dem unbescholtenen Bürger mit ihrem Trauermythos auf die Pelle gerückt. Wirft man einen Blick auf die große Teilnehmerzahl, stellt man fest, dass sie dabei einen leider nicht zu vernachlässigenden Erfolg zu verbuchen haben. Die Art und Weise, wie sie ihr menschenverachtendes Meinungsbild in die Öffentlichkeit tragen, hat die bürgerliche Mitte erreicht. Nicht zuletzt mit ihrem Motto „Eine Million Tote rufen zur Tat!“ des Aufmarsches ernten sie inzwischen in immer weiteren gesellschaftlichen Kreisen Akzeptanz, anstatt auf Widerspruch zu stoßen. Die Zeiten, in denen in Remagen höchstens zehn bis zwanzig Nazis einen kleinen Aufmarsch veranstalten sind schon länger vorbei. Eine immer stärkere Vernetzung der rechten Strukturen durch die zahlreichen Kameradschaften sowie das zentrale „AB Mittelrhein“, denen von staatlicher Seite kaum etwas entgegengesetzt wird, macht dies erst möglich. Die rechte Szene im Rheinland – insbesondere im Raum rund um Bad Neuenahr-Ahrweiler – erstarkt zunehmend und rechtes Gedankengut feiert fröhliche Urstände. Der Stadt Remagen droht, dass ein alljährlicher Nazi-Aufmarsch zum Ritual wird.

Geschichtsrevisionismus

Dass es sich bei den Äußerungen der Nazis größtenteils um geschichts-verfälschende Äußerungen handelt, mit denen die heutigen Nazis ihr Fußvolk und auch Neulinge ködern, wird oft nicht erkannt. Jedoch zeugt dies von einer immer geschickteren Vorgehensweise. Die Umdeutungen der Geschichte aus dem rechtem Lager werden salonfähig. Es wird immer schwieriger, das perfide Vorgehen der Nazis erst einmal zu durchschauen, um ihnen wirklich entgegnen zu können. Leider lassen sich auf diesem Wege gerade die jüngere Menschen oder gar Kinder stark beeinflussen. So auch der Anlass alter und neuer Nazis, am vergangenen Samstag in Remagen für die verstorbenen Kriegsgefangenen in den Rheinwiesenlager zu trauern: Mit der Behauptung, dass eine Million deutscher Wehrmachtssoldaten in den Rheinwiesenlagern umgekommen wären, übertreiben sie bezüglich der Zahl der Toten willkürlich und deuten die eigentlichen Täter zu Opfern um. Eine solche Zahl von einer Million Toten hat natürlich einen hohen symbolischen und gleichzeitig emotionalen Charakter, weshalb sie auf den ersten Blick zunächst lieber nicht groß hinterfragt wird. Tatsächlich dürfte diese Zahl – offiziellen Berechnungen nach – zwischen 8.000 und 40.000 Toten liegen. Vor allem im Bezug auf die Rheinwiesenlager hat sich der Umgang der rechten Szene mit den zeitgeschichtlichen Umständen und den vorhergegangenen nationalsozialistischen Verbrechen geändert. Diese werden oft gar nicht mehr groß rechtfertigt oder als harmlos dargestellt, wie es sonst meist Konsens war, sondern einfach völlig außer Acht gelassen. Dies spiegelt sich auch in ihrer Darstellung der Ereignisse in den Rheinwiesenlagern wider: Die Taten der NS-Herrschaft werden als Lüge abgestempelt, die Kriegsverbrechen der Alliierten und die fürchterlichen Umstände, unter denen die deutschen „Helden“ zur Zeit ihres Lager-Aufenthaltes zu leiden hatten, in den Vordergrund gestellt. Zwar gilt es zweifellos auch, seitens der Alliiierten begangene Kriegsverbrechen zu hinterfragen – jedoch ist dies eindeutig fundiert im zeitgeschichtlichen Kontext unter Einbezug der damaligen Umstände und insbesondere der vorhergegangenen Taten des NS-Regimes zu klären. Denn dies darf noch lange nicht heißen, dass heutige Neonazis sich diese Aufgabe zu eigen machen dürfen, um eine Version der Geschehnisse im Kontext ihrer menschenverachtenden Weltanschauung zu kreieren und die wahren Geschehnisse zu leugnen.

Schwacher, dennoch entschiedener Widerstand

An diesem Tage gestaltete es sich als eher schwierig, dem Treiben der Nazis in Remagen wirklich etwas entgegenzusetzen. Es fehlte eine breite Mobilisierung, um rein zahlenmäßig der großen Masse der Nazis Herr zu werden und der Polizei rein symbolisch die Legitimation zu nehmen, eine Nazi-Demo überhaupt zu rechtfertigen. Die Mobi-Aktionen der örtlichen Antifa waren zwar vielseitig, jedoch reichten diese allein wohl auch nicht aus, um wirklich viele Bürger aus der Stadt und überregional Antifaschisten zum Protestieren zu bewegen. Auch fehlt wie auch in zahlreichen anderen Städten des Rheinlandes bei den Bürgern die Erkenntnis, dass ihre Stadt aber auch das ganze Rheinland (v.a. in den ländlichen Regionen) schlicht ein Nazi-Problem hat. Der Grund dafür ist nach wie vor, dass man sich auch von politischer Seite mit solchen unbequemen Themen lieber erst gar nicht auseinandersetzen möchte. Das einzige Mittel – die breite Bürgerbeteiligung – fehlt somit nach wie vor. Zwar stieß man auch auf Antifaschisten u.a. aus dem Köln-/Bonner Raum, jedoch scheint das alljährliche Treiben der rechten Szene in Remagen überregional der breiten Masse nicht bekannt genug zu sein oder nicht ernst genug genommen zu werden. Trotzdem gelang es einigen Aktivisten der linken Szene – darunter auch einige GenossInnen der linksjugend [’solid] Großraum Koblenz – so nah an den Nazi-Kundgebungort rund um die „Schwarze Madonna“ heranzukommen um den Nazis die Stirn bieten zu können. So bekamen alle „Trauernden“ über die Polizeiabsperrungen hinweg mit lauthalsen Sprechchören und auch Gesänge zu Gehör, dass sie hier nicht von allen erwünscht waren – eine von vielen Antifa-Aktionen, welche sich mit vorherigen vorläufigen Festnahmen und anderen Repressalien seitens der Polizei teuer „erkauft“ werden mussten. Es gilt daher, in den nächsten Jahren auch in strukturschwachen Gegenden des Rheinlandes, deutlich stärker zu mobilisieren, damit unser Kampf gegen die ausufernde Naziszene zum Erfolg wird.

Wehret den Anfängen!

Alerta antifascista!

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