Ein Erfahrungsbericht

Die Corona-Krise beschäftigt zurzeit ganz Deutschland. Auch viele meiner Facebookfreunde schreiben darüber. Aber ich glaube die wenigsten von ihnen sind zurzeit so direkt betroffen wie ich und haben sich so ein klares Bild von der Situation gemacht.

Eins vorweg: Ich finde die bisher von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen nicht falsch (ich finde die meisten der getroffenen Maßnahmen und Empfehlungen an sich nicht verkehrt). Ich denke auch, dass es ist richtig ist sich oft die Hände zu waschen und Abstand zu seinen Mitmenschen einzuhalten. Ich finde nur die bisher getroffenen Maßnahmen gehen nicht weitgenug bzw. dass es bessere Mittel als eine Ausgangssperre gäbe (Teile gehen aber eindeutig in die Falsche Richtung und dienen nur dazu, die Verantwortung auf die Bevölkerung abzuwälzen während z.B. Viel nützlichere Maßnahme, wie eine Schließung nicht-notwendiger Betriebe um jeden Preis vermieden wird).

Denn im Gegensatz zur Mehrheit meiner Facebookfreunde weiß ich jetzt was tatsächlich passiert, wenn jemand in deinem Umfeld positiv auf Corona getestet wurde. Ich arbeite im öffentlichen Dienst. Dort hat die Leitung der Einrichtung es nicht organisieren können, dass die Mehrheit der Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten können (auch nur genügend Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen, um ernsthaft auf dei Krise zu reagieren und das Risiko zu minimieren). Auch sind wir nicht von den generellen Maßnahmen betroffen und laut Frau Merkel wird der Staat ja weiter funktionieren.

Ganz ehrlich: Ich mache in der Abteilung, in der ich aktuell eingesetzt bin einen Job, der in der jetzigen Situation wirklich sehr unwichtig (nicht notwendig) ist.

Nichts desto trotz war ich bis letzte Woche Mittwoch wie die meisten meiner anderen Kolleg*innen in meiner Einrichtung (ganz normal) arbeiten. Dann kam die E-Mail von der obersten Chefin persönlich an alle: Es gibt einen Corona-Fall in der Einrichtung. Jetzt könnte man denken: Ja, dann machen die jetzt 2 Wochen zu und die ganz wichtigen Sachen laufen per Homeoffice. Nix da! Wir sollen weiterhin zu unserem Arbeitsplatz kommen und es geht sogar noch weiter: Wenn man Kontakt mit einer Person hatte, die als Kontaktperson zum Infizierten gilt, ist die Gefahr sich angesteckt zu haben laut Robert-Koch-Institut und Info-Hotline eher gering. Auf Nachfragen meines Kollegen an die Leitung der Personalabteilung kommen dann so Sätze wie „Das ist ja nicht die Pest!“.

Aber ich muss mich schon auf einer ganz sachlichen Ebene fragen: Wenn es nicht so ist, dass man in so einem Fall davon ausgehen muss, dass dieser eine Mitarbeiter der mit einer Corona-Infektion mehrere Tage in der Einrichtung tätig war einige weitere Kollegen angesteckt hat. Wenn ich davon ausgehen soll, dass es ausreicht einige wenige Personen, die sehr engen Kontakte zu ihm hatten in Quarantäne zu schicken. Wieso steigen dann die Fallzahlen? Und wieso können wir uns dann nicht in einer Gruppe von z.B. 20 Menschen treffen, nur weil es von denen vielleicht jemand haben könnte? Und wieso sollen wir zu jeder anderen Person mindestens 1,5 m Abstand halten, nur weil sie vielleicht infiziert sein könnte?

Das ist doch ein Widerspruch in sich! Die logische Konsequenz ist für mich eine von beiden Darstellungen ist falsch! Entweder es ist ein hochansteckendes Virus und wir müssen alle sozialen Kontakte meiden. Oder ich kann weiterhin denken, dass ich habe mich sehr wahrscheinlich nicht auf der Arbeit damit angesteckt habe.

Es ist offensichtlich auch nicht nur mein Empfinden, dass jetzt jeder der in dieser Einrichtung arbeitet ein erhöhtes Risiko trägt infiziert zu sein. Mein Partner, der bei einem privaten Arbeitgeber arbeitet, wurde sofort ins Homeoffice geschickt, obwohl die dortige Personalabteilung zuerst einmal nur von einem Verdachtsfall bei meiner Arbeitsstelle ausging.

Ich persönlich denke, dass das erste wahr ist und es sich um einen höchstansteckenden Virus handelt. Sonst wären diese harten Maßnahmen nie ergriffen worden. Denn diese sind für so viele Menschen einfach existenzbedrohend. Aber wieso wird dann so lasch mit diesem Corona-Fall auf meiner Arbeit umgegangen?

Und die Antwort auf diese Frage muss leider lauten: Weil man sowohl den Staatsapparat als auch die großen Firmen auf jeden Fall am Laufen halten will – Koste es was es wolle! Dass zumindest ich mich ziemlich veräppelt fühle, wenn unsere Bundeskanzlerin in diesem Zusammenhang von Solidarität faselt ist wohl einleuchtend. Hier wird einfach die Gastronomie und andere kleine Betriebe als Bauernopfer gebracht um die anderen auf jeden Fall zu retten! Wo zum Teufel ist da denn bitte die Solidarität?!

Weitere Dinge zur Rede unserer Kanzlerin vom 18.03.2020: Sie sagt solche Maßnahmen dürften nur temporär beschlossen werden. Andererseits ist es gar nicht mehr das Ziel das Virus auszumerzen, sondern nur noch die Ausbreitung zu verlangsamen und den Verlauf über die Monate zu strecken. D.h. im Klartext die Kneipen, Kinos, Sportfreizeiteinrichtungen usw. bleiben über diesen gesamten Zeitraum geschlossen – Sprich bis der verlangsamte Gang des Virus durch Deutschland vorbei ist oder ein Impfstoff gefunden wurde. Das ist zumindest ein Stück weit auch ein Widerspruch in sich. Denn ja, das ist nur eine begrenzte, aber eine unbestimmte begrenzte Zeit. Und auch da fühle zumindest ich mich von der Bundesregierung veräppelt.

Auch sagt sie unser Gesundheitssystem sei vielleicht eines der besten der Welt. Aber es ist allgemein bekannt, dass seit Jahren Pflegenotstand herrscht und das Gesundheitssystem runtergewirtschaftet wurde. Denkt ihr tatsächlich, dass unser Gesundheitssystem so viel besser als das italienische ist? Also ich nicht! Ich musste da mal kurz sarkastisch lachen, als sie diesen Satz gesagt hat.

Ich frage mich wirklich: Wieso gibt es keinen 2 wöchigen Shoutdown (warum wird nicht tatsächlich mal alles was nicht notwendig ist dichtgemacht)? Bei dem nur noch das allernötigste, „systemrelevante“ wirtschaftlich stattfindet? (Kann wegfallen) – Sprich nur noch die Versorgung mit den lebenotwenigen Dingen und natürlich die medizinische Versorgung von Mensch und Tier. Die allermeisten Betriebe würden dann einfach für 2 Wochen (erstmal) zumachen? Dann wäre die Gefahr sich gegenseitig am Arbeitsplatz anzustecken auf ein absolutes Minimum reduziert. Dann könnte man meines Erachtens die Krise sehr viel schneller überwinden oder das Virus vielleicht sogar annähernd komplett ausmerzen.

Ich denke auch dadurch, dass dieser Widerspruch dann beseitigt wäre, käme der Ernst der Lage bei noch mehr Menschen an und noch mehr Menschen würden sich an die Regeln halten. Dann bräuchten wir für die paar übriggebliebenen kompletten Vollidioten auch keine Ausgangssperre, denn auch die haben nur einen sehr begrenzten Wirkungskreis.

Der Grund wieso das nicht gemacht wird ist einfach: Deutschland macht sich Gedanken um die Wirtschaft. Aber die Sache ist doch die:

1. Leisten wir es uns jedes Jahr auch an Weihnachten und Silvester fast 2 Wochen kaum wirtschaftlichen Betrieb zu haben,

2. ist überhaupt nicht klar, dass wenn man so eine Krise über Monate streckt die wirtschaftlichen Folgen vielleicht sogar viel größer sind und

3. und das ist das wichtigste! Unsere Gesundheit muss vorgehen!

Aber darüber redet ja kaum einer – erst recht nicht unsere Regierung stattdessen wird an jeden einzelnen appelliert. Er/Sie hätte es in der Hand wenn er nur alle sozialen Kontakte vermeidet, sich viel die Hände wäscht und zu jedem mindestens 1,5 m Abstand hält, weil der andere ja das Corona-Virus haben könnte. Und schon wieder wird die Verantwortung auf die Bevölkerung abgewälzt und die Regierung ist fein raus.

Aber es funktioniert ja super: Mittlerweile werden sogar von vielen Bürger*innen Ausgangssperren gefordert. Ich meine ihr wisst schon, dass ihr dann auch mit 2 m Abstand zum nächsten nicht mehr rausgehen dürft? Ihr wisst schon was für ein krasser Eingriff in die Grundrechte das wäre. Ich möchte mir gar nicht vorstellen wie schlimm das für eine Familie mit kleinen Kindern wäre. Außerdem behaupte ich, dass die meisten von euch bereits nach 1-2 Wochen durchdrehen, wenn sie sich komplett zu Hause einsperren.

Aber Hauptsache ich kann weiter zu meiner corona-verseuchten Arbeitsstelle gehen und Kollegen anstecken.

In diesem Sinne denkt mal drüber nach und bleibt gesund.

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